Schlagmann Poroton - Wohn- und Geschäftshaus in Nymphenburg

Wohn- und Geschäftshaus in Nymphenburg

Am westlichen Ende der Prinzenstraße liegt eine Anlage mit bislang 20 Wohnungen und einem Fahrradladen. Sie gehört dem Beamten-Wohnungsverein (bwv), der für bezahlbaren Wohnraum steht. In der Wohnanlage Prinzenstraße war bis vor Kurzem die schlossnahe Lage der wohl attraktivste Aspekt: Der lang gestreckte, zweckmäßige Bau mit den Hausnummern 77 – 83 stammt aus den 1950er-Jahren und war ausgesprochen sanierungsbedürftig.

Räume bisher ohne Heizung der mit Einzelöfen

Das sah man von außen ebenso wie von innen: Die Schäden an Fassade, Fenstern und Balkonen waren offenkundig. Technik und Ausstattung zeigten sich völlig veraltet, angefangen bei den Elektroinstallationen, die keine der heutigen Anforderungen mehr erfüllten. Ohne Zukunft war auch die Heizung: In etlichen Räumen gab es gar keine, in anderen standen Nachtspeicher- und Einzelöfen.

Bei einer solchen Substanz denken Eigentümer ernsthaft darüber nach, alles abzureißen und neu zu bauen – und bei vielen vergleichbaren Objekten wird genau das auch getan. Doch in der Prinzenstraße kam es anders. Denn die Architekten kamen hier zusammen mit dem Bauherren bwv nach intensiven Prüfungen und Wirtschaftlichkeitsberechnungen zu dem Schluss, dass die Bausubstanz genügend Positives biete, um eine Sanierung vorzuziehen.

Extra-Etage für größere Familien

2012 begannen die Verantwortlichen beim bwv damit, diese Sanierung zu planen; im Frühjahr 2014 rückten die Bauarbeiter an. Ein gutes Jahr später waren die Gebäude kaum mehr wiederzuerkennen. Von 18 auf 20 Wohnungen gewachsen und aufgestockt um eine zusätzliche Etage, hat das Objekt seine Kubatur deutlich verändert. Das Dach wurde abgenommen und an seiner Stelle ein weiteres, aber auf einer Seite zurückspringendes Stockwerk errichtet, mit großzügigen Terrassen. Zweitfassade ohne Schießscharten.

Eine neue Außenfassade mit ungewöhnlicher Fenster-Lösung trägt ebenfalls viel zum neuen Eindruck bei. Die Dämmschicht ist aus Naturmaterialien: Vor die Außenwände aus den 1950er-Jahren setzten die Experten die WDF als eine Art „Zweitfassade“.

Der gebrannte Ziegel ist dauerhafter und wertbeständiger, als übliche Dämmmaterialien es an einer solchen Stelle je sein könnten. Wer häufiger Gebäude sieht, die nachträglich von außen gedämmt wurden, bleibt mit seinen Blicken an den Fenstern in der Prinzenstraße hängen. Es fällt auf, dass sie nicht an Schießscharten erinnern, nicht tief in der verdickten Außenwand versenkt wirken, wie dies andernorts bei vielen Gebäuden zu beobachten ist. Vielmehr zeigen sich diese Fensterflächen von außen plan mit der neuen Ziegel-Außenhaut. Dahinter steckt eine ungewöhnliche, hierfür individuell entwickelte Idee: Die doppelverglasten Holzfenster des Altbaus sind nach wie vor da. Sie sollten nicht ersetzt werden, weil sie gut erhalten waren und es genügte, sie vom Schreiner überarbeiten und neu streichen zu lassen. Dass die alten Fenster nun ähnlich gut isolieren und vor Schall schützen wie moderne Fenster, liegt schlicht daran, dass auch sie eine neue zusätzliche Schicht erhalten haben. Es wurden zusätzliche Fenster vorgebaut – eben jene, die optisch in das neue Außenmauerwerk integriert wurden. Es sind Isolierglas-Wendefenster, die sich wie Schwingfenster nach außen hin aufklappen lassen. Von diesem Ansatz profitieren sowohl Bauphysik als auch Ästhetik.

Moderne Energieversorgung senkt Kosten

Die Balkone haben ebenfalls einen Zeitsprung gemacht: Die neuen Süd-Balkone sind energetisch vom Gebäude getrennt und haben zudem verglaste Schiebe-Elemente. Dank dieser flexibel nutzbaren Verglasung ist der Balkon auch in der Übergangszeit besser nutzbar, außerdem kann die Konstruktion so als zusätzlicher Temperatur-Puffer dienen. Die Wohnanlage hatte früher keine Zentralheizung. Nun gibt es eine komplett neue Haustechnik. In der Heizzentrale arbeitet ein Gasbrennwertkessel, der von einer 50 Quadratmeter großen Solarthermieanlage auf dem Dach unterstützt wird.

Rundum konnten die Energiekosten deutlich gesenkt werden – das sanierte Gebäude erreicht den Standard eines KfW-Effizienzhauses 100.

Gut getan haben die Arbeiten auch den Außenanlagen: Diese wurden neu geplant und angelegt, so dass die Bewohnerinnen und Bewohner künftig entspannte Stunden im Garten verbringen können. Zu den Wohnungen im Erdgeschoss gehören jetzt kleine Wohnterrassen mit Hochbeeten. Der sanierte Komplex in der Prinzenstraße zieht Experten und an Architektur interessierte Menschen an: Er war im Juni 2016 Teil der Architektouren, einer jährlichen Veranstaltung der Bayerischen Architektenkammer.

Bilder: Guggenbichler+Netzer Architekten, Philipp Herbster
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